• Carl Philipp Emanuel Bach
1758

19. Die Liebe des Nächsten

  • Voice · Eb4 – F5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text

  1. So jemand spricht: Ich liebe Gott!
    und hasst doch seine Brüder,
    der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
    und reißt sie ganz danieder.
    Gott ist die Lieb und will, dass ich
    den Nächsten liebe gleich als mich.

  2. Wer dieser Erden Güter hat
    und sieht die Brüder leiden
    und macht den Hungrigen nicht satt,
    lässt Nackende nicht kleiden,
    der ist ein Feind der ersten Pflicht
    und hat die Liebe Gottes nicht.

  3. Wer seines Nächsten Ehre schmäht
    und gern sie schmähen höret,
    sich freut, wenn sich sein Feind vergeht,
    und nichts zum Besten kehret,
    nicht dem Verleumder widerspricht,
    der liebt auch seinen Bruder nicht.

  4. Wer zwar mit Rat, mit Trost und Schutz
    den Nächsten unterstützet,
    doch nur aus Stolz, aus Eigennutz,
    aus Weichlichkeit ihm nützet,
    nicht aus Gehorsam, nicht aus Pflicht,
    der liebt auch seinen Nächsten nicht.

  5. Wer harret bis ihn anzuflehn
    ein Dürft’ger erst erscheinet,
    nicht eilt dem Frommen beizustehn
    der im Verborgnen weinet,
    nicht gütig forscht, ob’s ihm gebricht,
    der liebt auch seinen Nächsten nicht.

  6. Wer andre, wenn er sie beschirmt,
    mit Härt und Vorwurf quälet
    und ohne Nachsicht straft und stürmt,
    so bald sein Nächster fehlet;
    wie bleibt bei seinem Ungestüm
    die Liebe Gottes wohl in ihm?

  7. Wer für der Armen Heil und Zucht
    mit Rat und Tat nicht wachet,
    dem Übel nicht zu wehren sucht,
    das oft sie dürftig machet,
    nur sorglos ihnen Gaben gibt,
    der hat sie wenig noch geliebt.

  8. Wahr ist es, du vermagst es nicht,
    stets durch die Tat zu lieben.
    Doch bist du nur geneigt, die Pflicht
    getreulich auszuüben,
    und wünschest dir die Kraft dazu
    und sorgst dafür, so liebest du.

  9. Ermattet dieser Trieb in dir,
    so such ihn zu beleben.
    Sprich oft: Gott ist die Lieb, und mir
    hat er sein Bild gegeben.
    Denk oft: Gott, was ich bin, ist dein;
    sollt ich, gleich dir, nicht gütig sein?

  10. Wir haben einen Gott und Herrn,
    sind eines Leibes Glieder;
    drum diene deinem Nächsten gern,
    denn wir sind alle Brüder.
    Gott schuf die Welt nicht bloß für mich,
    mein Nächster ist sein Kind wie ich.

  11. Ein Heil ist unser aller Gut.
    Ich sollte Brüder hassen,
    die Gott durch seines Sohnes Blut
    so hoch erkaufen lassen?
    Dass Gott mich schuf und mich versühnt,
    hab ich dies mehr als sie verdient?

  12. Du schenkst mir täglich so viel Schuld,
    du, Herr, von meinen Tagen!
    Ich aber sollte nicht Geduld
    mit meinen Brüdern tragen,
    dem nicht verzeihn, dem du vergibst,
    und den nicht lieben, den du liebst?

  13. Was ich den Frommen hier getan,
    dem Kleinsten auch von diesen,
    das sieht er, mein Erlöser, an,
    als hätt ich’s ihm erwiesen.
    Und ich, ich sollt ein Mensch noch sein,
    und Gott in Brüdern nicht erfreun?

  14. Ein unbarmherziges Gericht
    wird über den ergehen,
    der nicht barmherzig ist, der nicht
    die rettet, die ihn flehen.
    Drum gib mir, Gott, durch deinen Geist
    ein Herz, das dich durch Liebe preist.

English Translation

  1. If someone says: I love God!
    yet hates his brothers,
    he makes a mockery of God’s truth
    and tears it down completely.
    God is love, and wills that I
    love my neighbor just as myself.

  2. Whoever has earthly possessions
    and sees his brothers suffer,
    and does not satisfy the hungry,
    does not clothe the naked,
    he is opposed to the first commandment
    and does not have love of God.

  3. Whoever denigrates his neighbor’s honor
    or willingly hears it disparaged; delights,
    when his enemy is defeated,
    never making things better,
    nor contradicts slander,
    also does not love his brother.

  4. Whoever with advice, comfort and support
    might support his neighbor,
    yet serves him only out of pride, selfishness,
    or weakness,
    not through obedience, not out of duty,
    also does not love his neighbor.

  5. Whoever waits until being petitioned
    before approaching a person in need,
    nor rushes to support a worthy soul
    who secretly mourns;
    or does not kindly inquire if he is injured,
    also does not love his neighbor.

  6. Whoever, in oversight of others,
    troubles them with harshness and reproaches
    and punishes and rages without consideration,
    has failed his neighbor;
    with such lack of discipline
    how could God’s love be in him?

  7. Whoever does not work for the health and welfare
    of the poor with word and deed,
    does not seek to ward off the evil
    that often causes misery to them,
    but only gives them alms carelessly,
    shows them only little love.

  8. It is truly impossible for you
    to constantly show love through your actions.
    Yet if you are only inclined
    to faithfully practice your duty,
    and, wishing for more ability,
    you worry over it, then you love indeed.

  9. If this impulse is weakening within you,
    then seek to revive it.
    Say often: God is love,
    and he has made me in his image.
    Think often: God, what I am, is yours;
    should I not, like you, be good?

  10. We have one God and Lord,
    are members of one body;
    therefore serve your neighbor gladly,
    since we are all brothers.
    God created the world not merely for me;
    my neighbor is his child as well.

  11. Our mutual good is a blessing.
    Should I hate my brothers,
    who God, through his Son’s blood,
    purchased at such a high price?
    That God created me and redeemed me,
    did I deserve this more than they did?

  12. You grant me so many pardons daily,
    you, Lord, my whole life long!
    Yet should I not have patience
    with my brothers,
    not forgive him who you forgive,
    and not love him who you love?

  13. What I have done for the innocent,
    for even the most insignificant of them,
    is regarded by my Savior
    as if I had done it for him.
    And I, could I still be human,
    and not bring joy to the God in my brothers?

  14. A pitiless judgment
    will be pronounced over him
    who is not merciful, who does not
    help those who beseech him.
    Therefore grant me, God, through your spirit
    a heart that praises you through love.

Resources