Carl Philipp Emanuel Bach
1758

21. Das Gebet

  • Voice · C4 – G5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text by Christian Fürchtegott Gellert

  1. Dein Heil, o Christ, nicht zu verscherzen,
    sei wach und nüchtern zum Gebet!
    Ein Flehn aus reinem, guten Herzen
    hat Gott, dein Vater, nie verschmäht.
    Erschein vor seinem Angesichte
    mit Dank, mit Demut, oft und gern,
    und prüfe dich in seinem Lichte
    und klage deine Not dem Herrn.

  2. Welch Glück, so hoch geehrt zu werden
    und im Gebet vor Gott zu stehn!
    Der Herr des Himmels und der Erden,
    bedarf der eines Menschen Flehn?
    Sagt Gott nicht: Bittet, dass ihr nehmet?
    Ist des Gebetes Frucht nicht dein?
    Wer sich der Pflicht zu beten schämet,
    der schämt sich, Gottes Freund zu sein.

  3. Sein Glück von seinem Gott begehren,
    ist dies denn eine schwere Pflicht?
    Und seine Wünsche Gott erklären,
    erhebt dies unsre Seele nicht?
    Sich in der Furcht des Höchsten stärken,
    in dem Vertraun, dass Gott uns liebt,
    im Fleiß zu allen guten Werken,
    ist diese Pflicht für dich betrübt?

  4. Bet oft in Einfalt deiner Seelen;
    Gott sieht aufs Herz, Gott ist ein Geist.
    Wie können dir die Worte fehlen,
    wofern dein Herz dich beten heißt?
    Nicht Töne sind’s, die Gott gefallen,
    nicht Worte, die die Kunst gebeut.
    Gott ist kein Mensch. Ein gläubig Lallen,
    das ist vor ihm Beredsamkeit.

  5. Wer das, was uns zum Frieden dienet,
    im Glauben sucht, der ehret Gott.
    Wer das zu bitten sich erkühnet,
    was er nicht wünscht, entehret Gott.
    Wer täglich Gott die Treue schwöret,
    und dann vergisst, was er beschwur,
    und klagt, dass Gott ihn nicht erhöret,
    der spottet seines Schöpfers nur.

  6. Bet oft zu Gott und schmeck in Freuden,
    wie freundlich er, dein Vater, ist.
    Bet oft zu Gott und fühl in Leiden,
    wie göttlich er das Leid versüßt.
    Bet oft, wenn dich Versuchung quälet;
    Gott hört’s, Gott ist’s, der Hülfe schafft.
    Bet oft, wenn inn’rer Trost dir fehlet;
    er gibt den Müden Stärk und Kraft.

  7. Bet oft und heiter im Gemüte,
    schau dich an seinen Wunden satt.
    Schau auf den Ernst, schau auf die Güte,
    mit der er dich geleitet hat.
    Hier irrtest du in deiner Jugend,
    im Alter dort. Er trug Geduld,
    rief dich durch Glück und Kreuz zur Tugend;
    erkenn und fühle seine Huld.

  8. Bet oft und schau mit sel’gen Blicken
    hin in des Ewigen Gezelt,
    und schmeck im gläubigen Entzücken
    die Kräfte der zukünft’gen Welt.
    Ein Glück von Millionen Jahren,
    welch Glück! Doch ist’s von jenem Glück,
    das dem der Herr wird offenbaren,
    der ihm hier dient, kein Augenblick.

  9. Bet oft, durchschau mit heil’gem Mute
    die herzliche Barmherzigkeit
    des, der mit seinem teuren Blute
    die Welt, der Sünder Welt befreit.
    Nie wirst du dieses Werk ergründen,
    nein, es ist eines Gottes Tat.
    Erfreu dich ihrer, rein von Sünden,
    und ehr im Glauben Gottes Rat.

  10. Bet oft, entdeck am stillen Orte
    Gott ohne Zagen deinen Schmerz.
    Er schließt vom Herzen auf die Worte,
    nicht von den Worten auf das Herz.
    Nicht dein gebognes Knie, nicht Tränen,
    nicht Worte, Seufzer, Psalm und Ton,
    nicht dein Gelübd rührt Gott, dein Sehnen,
    dein Glaub an ihn und seinen Sohn.

  11. Bet oft, Gott wohnt an jeder Stätte,
    in keiner minder oder mehr.
    Denk nicht: Wenn ich mit vielen bete,
    so find ich eh’ bei Gott Gehör.
    Gott ist kein Mensch. Ist dein Begehren
    gerecht und gut, so hört er’s gern.
    Ist’s nicht gerecht, so gelten Zähren
    der ganzen Welt nichts vor dem Herrn.

  12. Doch säume nicht, in den Gemeinen
    auch öffentlich Gott anzuflehn,
    und seinen Namen mit den Seinen,
    mit seinen Brüdern, zu erhöhn;
    dein Herz voll Andacht zu entdecken,
    wie es dein Mitchrist dir entdeckt,
    und ihn zur Inbrunst zu erwecken,
    wie er zur Inbrunst dich erweckt.

  13. Bist du ein Herr, dem andre dienen,
    so sei ihr Beispiel, sei es stets,
    und feire täglich gern mit ihnen
    die sel’ge Stunde des Gebets.
    Nie schäme dich des Heils der Seelen,
    die Gottes Hand dir anvertraut.
    Kein Knecht des Hauses müsse fehlen,
    er ist ein Christ und werd erbaut!

  14. Bet oft zu Gott für deine Brüder,
    für alle Menschen, als ihr Freund,
    denn wir sind eines Leibes Glieder;
    ein Glied davon ist auch dein Feind.
    Bet oft, so wirst du Glauben halten,
    dich prüfen und das Böse scheun,
    an Lieb und Eifer nicht erkalten
    und gern zum Guten weise sein.

English Translation

  1. Do not take your salvation lightly, O Christian;
    be watchful and sober in prayer!
    A request from a pure, good heart
    God, your Father, has never scorned.
    Appear before his countenance
    with gratitude, with humility, gladly and often,
    and examine yourself in his light,
    and declare your need to the Lord.

  2. What happiness, to be so highly honored,
    and to stand before God in prayer!
    The Lord of heaven and earth
    admits the request of a mortal?
    Did not God say: Ask, and you shall receive?
    Is not the fruit of prayer yours?
    Whoever shuns the task of prayer,
    is also ashamed to be God’s friend.

  3. To ask for one’s happiness from one’s God,
    is this an onerous duty?
    To make one’s desires known to God,
    does this not uplift our souls?
    To strengthen oneself in the fear of the Lord,
    in the conviction that God loves us,
    in the eagerness to perform good works,
    is this task troubling to you?

  4. Pray often in the simplicity of your soul;
    God beholds your heart; God is spirit.
    How could you lack for words
    when your heart tells you to pray?
    It is not music that pleases God,
    not words that art has constructed.
    God is not a person. A faithful babbling
    is eloquence to him.

  5. Whoever seeks in faith
    that which brings us peace, honors God.
    Whoever dares to ask
    for what he does not desire, dishonors God.
    Whoever swears loyalty to God daily,
    and then forgets what he promised,
    and laments that God does not listen to him,
    only mocks his Creator.

  6. Pray often to God, and taste in joy
    how kindly he, your Father, is.
    Pray often to God, and feel in sorrow
    how divinely he sweetens the pain.
    Pray often, when temptation troubles you;
    God hears it; it is God that sends aid.
    Pray often, when inner comfort is lacking;
    he gives the weary strength and fortitude.

  7. Pray often, with a cheerful spirit;
    gaze your fill upon his wounds.
    Behold his earnestness; behold his goodness,
    with which he guides you.
    Here you erred in your youth,
    there in maturity. He has patience,
    calls you through happiness and pain to virtue;
    know and sense his grace.

  8. Pray often and see with sanctified gaze
    into the eternal tabernacle,
    and taste, with faith’s pleasure,
    the power of the world to come.
    A million years of happiness,
    what delight! Yet, next to that joy,
    which the Lord will reveal to those
    who serve him on earth, it is less than a moment.

  9. Pray often, perceive with a devout spirit
    the tender mercy of him
    who with his precious blood
    freed the world, the world of sinners.
    You will never fathom this deed;
    no, it is the doing of a holy one.
    Rejoice in it, purified from sin,
    and honor God’s wisdom in faith.

  10. Pray often, reveal in a quiet place
    to God your sorrow without despair.
    He draws the words from your heart,
    not your heart from the words.
    Not your bended knee, not tears,
    not words, sighs, psalms or chants,
    neither do your vows move God; but your longing,
    your faith in him and his Son.

  11. Pray often, God dwells in every place,
    nowhere less or more.
    Do not think: If I pray with many others,
    then I will find an audience with God.
    God is not a person. If your request
    is good and just, he hears it gladly.
    If not righteous, then the tears
    of the entire world are as nothing before the Lord.

  12. Yet, do not hesitate to pray to God
    in the congregation openly,
    and to uplift his name
    with brothers and loved ones;
    open your heart with reverence
    as your fellow Christian reveals his to you;
    inspire him to fervor,
    as he awakens devotion within you.

  13. If you are a lord, serve others;
    thus be an example to them always,
    and willingly observe daily with them
    the sacred hour of prayer.
    Do not shun the wellbeing of souls,
    who God’s hand entrusted to you.
    No servant of your house should be neglected;
    he is a Christian and will be raised up!

  14. Pray often to God for your brothers,
    for all humanity as your friends,
    for we are all members of one body;
    even your enemy belongs to it.
    Pray often; so will you keep the faith,
    test yourself and avoid evil;
    never cool in love and zeal
    and eagerly become wise in goodness.

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