• Carl Philipp Emanuel Bach
1758

31. Warnung vor der Wollust

  • Voice · D4 – F5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text

  1. Der Wollust Reiz zu widerstreben,
    dies, Jugend, liebst du Glück und Leben,
    lass täglich deine Weisheit sein.
    Entflieh der schmeichelnden Begierde,
    sie raubet dir des Herzens Zierde
    und ihre Freuden werden Pein.

  2. Lass, ihr die Nahrung zu verwehren,
    nie Speis und Trank dein Herz beschweren,
    und sei ein Freund der Nüchternheit.
    Versage dir, dich zu besiegen,
    auch öfters ein erlaubt Vergnügen,
    und steure deiner Sinnlichkeit.

  3. Lass nicht dein Auge dir gebieten,
    und sei, die Wollust zu verhüten,
    stets schamhaft gegen deinen Leib.
    Entflieh des Witzlings freien Scherzen
    und such im Umgang edler Herzen
    dir Beispiel, Witz und Zeitvertreib.

  4. Der Mensch, zu Fleiß und Arbeit träge,
    fällt auf des Müßigganges Wege
    leicht in das Netz des Bösewichts.
    Der Unschuld Schutzwehr sind Geschäfte.
    Entzieh der Wollust ihre Kräfte
    im Schweiße deines Angesichts.

  5. Erwacht ihr Trieb, dich zu bekämpfen,
    so wach auch du, ihn früh zu dämpfen,
    eh er die Freiheit dir verwehrt.
    Ihn bald in der Geburt ersticken,
    ist leicht; schwer ist’s, ihn unterdrücken,
    wenn ihn dein Herz zuvor genährt.

  6. Oft kleiden sich des Lasters Triebe
    in die Gestalt erlaubter Liebe,
    und du erblickst nicht die Gefahr.
    Ein langer Umgang macht dich freier,
    und oft wird ein verbotnes Feuer
    aus dem, was anfangs Freundschaft war.

  7. Dein fühlend Herz wird sich’s verzeihen,
    es wird des Lasters Ausbruch scheuen,
    indem es seinen Trieb ernährt.
    Du wirst dich stark und sicher glauben
    und kleine Fehler dir erlauben,
    bis deine Tugend sich entehrt.

  8. Doch nein, du sollst sie nicht entehren,
    du sollst dir stets die Tat verwehren;
    ist drum dein Herz schon tugendhaft?
    Ist’s Sünde nur, die Tat vollbringen?
    Sollst du nicht auch den Trieb bezwingen,
    nicht auch den Wunsch der Leidenschaft?

  9. Begierden sind es, die uns schänden,
    und ohne dass wir sie vollenden,
    verletzen wir schon unsre Pflicht.
    Wenn du vor ihnen nicht errötest,
    nicht durch den Geist die Lüste tötest,
    so rühme dich der Keuschheit nicht!

  10. Erfülle dich, scheinst du zu wanken,
    oft mit dem mächtigen Gedanken:
    Die Unschuld ist der Seele Glück.
    Einmal verscherzt und aufgegeben,
    verlässt sie mich im ganzen Leben,
    und keine Reu bringt sie zurück.

  11. Denk oft bei dir: Der Wollust Bande
    sind nicht nur dem Gewissen Schande,
    sie sind auch vor der Welt ein Spott.
    Und könnt ich auch in Finsternissen
    den Gräuel der Wollust ihr verschließen,
    so sieht und findet mich doch Gott.

  12. Die Wollust kürzt des Lebens Tage
    und Seuchen werden ihre Plage,
    da Keuschheit Heil und Leben erbt.
    Ich will mir dies ihr Glück erwerben.
    Den wird Gott wiederum verderben,
    wer seinen Tempel hier verderbt.

  13. Wie blühte nicht des Jünglings Jugend!
    Doch er vergaß den Weg der Tugend
    und seine Kräfte sind verzehrt.
    Verwesung schändet sein Gesichte
    und predigt schrecklich die Geschichte
    der Lüste, die den Leib verheert.

  14. So rächt die Wollust an den Frechen
    früh oder später die Verbrechen
    und züchtigt dich mit harter Hand.
    Ihr Gift wird dein Gewissen quälen,
    sie raubet dir das Licht der Seelen
    und lohnet dir mit Unverstand.

  15. Sie raubt dem Herzen Mut und Stärke,
    raubt ihm den Eifer edler Werke,
    den Adel, welchen Gott ihm gab.
    Und unter deiner Lüste Bürde
    sinkst du von eines Menschen Würde
    zur Niedrigkeit des Tiers herab.

  16. Drum fliehe vor der Wollust Pfade
    und wach und rufe Gott um Gnade,
    um Weisheit in Versuchung an.
    Erzittre vor dem ersten Schritte,
    mit ihm sind schon die andern Tritte
    zu einem nahen Fall getan.

English Translation

  1. Resist the charms of lasciviousness;
    oh youth, if you love life and happiness,
    let this be your daily wisdom.
    Flee the alluring desires;
    they rob you of your heart’s treasures
    and their joys turn into suffering.

  2. In order to ward off these cravings,
    never weigh down your heart with food and drink,
    and be a friend to sobriety.
    Deny yourself, in order to triumph,
    frequently even a permitted pleasure,
    and place restraints on your sensuality.

  3. Don’t let your eyes govern you,
    and to protect yourself from lust,
    be always modest concerning your body.
    Shun the loose merriment of clever wits,
    and seek in the company of noble hearts
    your example, amusement, and pastime.

  4. A person devoted to labor and industry
    is apt to lapse, during leisure,
    into the snares of malefactors.
    The armor of innocence is occupation.
    Disarm lust of its lure
    by the sweat of your brow.

  5. If awakened desire threatens to overwhelm you,
    then arouse yourself to suppress it early,
    before it deprives you of freedom.
    To suffocate it soon after birth
    is easy; but it’s difficult to subdue it
    when it has already nourished your heart.

  6. Often the urgings of vice clothe themselves
    in the form of worthy love,
    and you do not perceive the danger.
    A long acquaintance makes you daring,
    and often a forbidden flame springs
    from a beginning in friendship.

  7. Your tender heart will forgive itself;
    it will conceal the eruption of vice
    while it feeds its desires.
    You will grow more sure and confident
    and permit yourself little faults
    until your virtue is completely eroded.

  8. Yet no, you should not let it be worn down,
    you should constantly guard against the act;
    is your heart, then, already virtuous?
    Is it only sin to complete the deed?
    Shouldn’t you also overcome the urge,
    the inclination towards passion?

  9. There are cravings that harm us,
    and even without satisfying them
    we have already done damage to our morals.
    If you do not blush at them,
    or stifle these lusts in your soul,
    then chastity cannot claim you!

  10. Occupy yourself, if you appear to waver,
    often with this powerful thought:
    innocence is the delight of the soul.
    If ever belittled or abandoned,
    it will forsake me for the rest of my life,
    and no regret will bring it back.

  11. Consider frequently: the entanglements of desire
    are not only the conscience’s shame,
    but also an embarrassment before the world.
    Even if in utter darkness I could
    conceal the hideousness of lust,
    yet God would see and find me.

  12. Lust shortens the days of our lives,
    and its torments become plagues,
    while chastity earns health and life.
    I will choose this happiness for myself.
    For God will destroy a second time
    him who corrupts God’s temple on earth.

  13. How much did this youth’s freshness bloom!
    Yet he forgot the path of virtue
    and his abilities have withered.
    Depravity mangles his appearance
    and proclaims the terrible tale
    of his lusts, which have consumed his body.

  14. Thus lasciviousness wreaks its vengeance
    sooner or later on the bold trespasser
    and punishes you with a heavy hand.
    Its poison will make your conscience shudder;
    it robs you of the light of your soul
    and rewards you with confusion.

  15. It robs the heart of courage and strength,
    steals from it the zeal for worthy deeds,
    the nobility that God bestowed on it.
    And beneath the burden of your cravings
    you descend from the stature of a human
    to the debased nature of a beast.

  16. Therefore flee from the path of concupiscence
    and, watchful, call upon God for mercy,
    and for wisdom in temptation.
    Tremble before taking the first step;
    already with it the next steps
    to an early downfall are committed.

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