• Carl Philipp Emanuel Bach
1764

54. Wider den Geiz

  • Voice · A3 – G5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text

  1. Wohl dem, der bessre Schätze liebt
    als Schätze dieser Erden!
    Wohl dem, der sich mit Eifer übt,
    an Tugend reich zu werden,
    und in dem Glauben, des er lebt,
    sich über diese Welt erhebt.

  2. Wahr ist es, Gott verwehrt uns nicht,
    hier Güter zu besitzen.
    Er gab sie uns und auch die Pflicht,
    mit Weisheit sie zu nützen.
    Sie dürfen unser Herz erfreun
    und unsers Fleißes Antrieb sein.

  3. Doch nach den Gütern dieser Zeit
    mit ganzer Seele schmachten,
    nicht erst nach der Gerechtigkeit
    und Gottes Reiche trachten,
    ist dieses eines Menschen Ruf,
    den Gott zur Ewigkeit erschuf?

  4. Der Geiz erniedrigt unser Herz,
    erstickt die edlern Triebe.
    Die Liebe für ein schimmernd Erz
    verdrängt der Tugend Lieb,
    und machet, der Vernunft zum Spott,
    ein elend Gold zu deinem Gott.

  5. Der Geiz, so viel er an sich reißt,
    lässt dich kein Gut genießen;
    er quält durch Habsucht deinen Geist
    und tötet dein Gewissen
    und reißt durch schmeichelnden Gewinn
    dich blind zu jedem Frevel hin.

  6. Um wenig Vorteil wird er schon
    aus dir mit Meineid sprechen,
    dich zwingen, der Arbeiter Lohn
    unmenschlich abzubrechen;
    er wird in dir der Witwen Flehn,
    der Waisen Tränen widerstehn.

  7. Wie könnt ein Herz, vom Geize hart,
    der Wohltat Freuden schmecken
    und in des Unglücks Gegenwart
    den Ruf zur Hülf entdecken?
    Und wo ist eines Standes Pflicht,
    die nicht der Geiz entehrt und bricht?

  8. Du bist ein Vater; und aus Geiz
    entziehst du dich den Kindern
    und lässest dich des Goldes Reiz,
    ihr Herz zu bilden, hindern
    und glaubst, du habst sie wohl bedacht,
    wenn du sie reich wie dich gemacht.

  9. Du hast ein richterliches Amt;
    und du wirst dich erfrechen,
    die Sache, die das Recht verdammt,
    aus Habsucht recht zu sprechen;
    und selbst der Tugend größter Feind
    erkauft an dir sich einen Freund.

  10. Gewinnsucht raubt dir Mut und Geist,
    die Wahrheit frei zu lehren;
    du schweigst, wenn sie dich reden heißt,
    ehrst, wo du nicht sollst ehren,
    und wirst um ein verächtlich Geld
    ein Schmeichler und die Pest der Welt.

  11. Erhalte mich, o Gott, dabei,
    dass ich mir gnügen lasse,
    Geiz ewig als Abgötterei
    von mir entfern und hasse.
    Ein weites Herz und guter Mut
    sei meines Lebens größtes Gut!

English Translation

  1. He is fortunate, who loves greater treasures
    than those of this world!
    He is fortunate, who eagerly practices
    to become rich in virtue,
    and in faith, through which he lives,
    to raise himself above the world.

  2. It is true that God does not forbid us
    to possess goods on earth.
    He gave them to us, and also the responsibility
    to use them with wisdom.
    They are permitted to bring joy to our hearts
    and to be the motivation of our industry.

  3. Yet, to hunger for worldly goods
    with my entire soul,
    and not to first contemplate God’s
    justice and His kingdom,
    is this man’s true destiny,
    created by God for eternity?

  4. Avarice abases our hearts,
    and chokes off noble appetites.
    The love for a shining metal
    supersedes the love of virtue,
    and sets up, in mockery of reason,
    wretched gold as your God.

  5. However much avarice clutches to itself
    it will never allow you to enjoy anything;
    it perturbs your soul with greed
    and exterminates your conscience;
    through enticing rewards it delivers you,
    blinded, to every vice.

  6. For the slightest advantage it has already
    made you selfishly advocate;
    forcing you inhumanely to obstruct
    fair compensation for workers;
    making you resist the pleas of widows,
    the tears of orphans.

  7. How could a heart, hardened by avarice,
    taste the joys of good deeds
    and in the face of misfortune
    discover a cry for help?
    Is there any obligation of office
    which avarice does not corrupt and destroy?

  8. You are a father; and due to avarice
    you withdraw from your children
    and allow the fascination of gold
    to prevent you from nurturing their hearts;
    you believe you have provided well for them
    when you make them as rich are you are.

  9. You serve the law;
    and you become bold enough,
    out of greed, to defend the act
    condemned by justice;
    even the greatest enemy of virtue
    can purchase you as his friend.

  10. Concupiscence will rob your spirit and character
    of the ability to learn the truth;
    you will be silent when you should speak out,
    respect those you should not revere,
    and become, for the sake of disgusting money,
    a sycophant and a pestilence of the world.

  11. Support me, O God, in this,
    that it may please me
    to despise and reject
    avarice as an obscenity.
    May an open heart and a good character
    be the greatest possession of my life!

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