• Carl Philipp Emanuel Bach
1762–74

19. Doris

  • Voice · C4 – F5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text

  1. Des Tages Licht hat sich verdunkelt,
    der Purpur, der im Westen funkelt,
    erblasset in ein falbes Grau.
    Der Mond zeigt seine Silberhörner,
    die kühle Nacht streut Schlummerkörner
    und tränkt die trockne Welt mit Tau.

  2. Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,
    lass uns den stillen Grund besuchen,
    wo nichts sich regt als ich und du.
    Nur noch der Hauch verliebter Weste
    belebt das schwanke Laub der Äste
    und winket dir liebkosend zu.

  3. Die grüne Nacht belaubter Bäume
    führt uns in anmutsvolle Träume,
    worein der Geist sich selber wiegt.
    Er zieht die schweifenden Gedanken
    in angenehm verengte Schranken
    und lebt mit sich allein vergnügt.

  4. Sprich, Doris! Fühlst du nicht im Herzen
    die zarte Regung sanfter Schmerzen,
    die süßer sind als alle Lust?
    Strahlt nicht dein holder Blick gelinder,
    rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder
    und schwellt die unschuldsvolle Brust?

  5. Ich weiß, dass sich dein Herz befraget
    und ein Gedank zum andern saget:
    Wie wird mir doch? Was fühle ich?
    Mein Kind! Du wirst es nicht erkennen,
    ich aber werd es leichtlich nennen;
    ich fühle eben das für dich.

  6. Du staunst. Es regt sich deine Tugend.
    Die holde Farbe keuscher Jugend
    deckt dein verschämtes Angesicht.
    Dein Blut wallt von vermischtem Triebe,
    der strenge Ruhm verwirft die Liebe,
    allein dein Herz verwirft sie nicht.

  7. Mein Kind, erheitre deine Blicke,
    ergib dich nur in dein Geschicke,
    dem nur die Liebe noch gefehlt.
    Was willst du dir dein Glück missgönnen?
    Du wirst dich doch nicht retten können.
    Wer zweifelt, der hat schon gewählt.

  8. Der schönsten Jahre erste Blüte
    belebt dein aufgeweckt Gemüte,
    darein kein schlaffer Kaltsinn schleicht.
    Der Augen Glut quillt aus dem Herzen,
    du wirst nicht immer fühllos scherzen.
    Wen alles liebt, der liebet leicht.

  9. Wie? Sollte dich die Liebe schrecken?
    Mit Scham mag sich das Laster decken,
    die Liebe war ihm nie verwandt.
    Sieh deine freudigen Gespielen!
    Du fühlest, was sie alle fühlen,
    dein Brand ist der Natur ihr Brand.

  10. Oh, könnte dich ein Schatten rühren
    der Wollust, die zwei Herzen spüren,
    die sich einander zugedacht!
    Du fordertest von dem Geschicke
    die langen Stunden selbst zurücke,
    die dein Herz müßig zugebracht.

  11. Wann eine Schöne sich ergeben
    für den, der für sie lebt, zu leben
    und ihr Verweigern wird zum Scherz;
    wann nach erkannter Treu des Hirten
    die Tugend selbst ihn kränzt mit Myrten
    und die Vernunft redt wie das Herz.

  12. Wann zärtlich Wehren, holdes Zwingen,
    verliebter Diebstahl, reizends Ringen
    mit Wollust beider Herz beräuscht;
    wann der verwirrte Blick der Schönen,
    ihr schwimmend Aug voll seichter Tränen,
    was sie verweigert, heimlich heischt.

  13. Wann sich — allein, mein Kind, ich schweige
    von dieser Lust, die ich dir zeige,
    ist, was ich sage, kaum ein Traum.
    Erwünschte Wehmut, sanft Entzücken:
    Was wagt der Mund euch auszudrücken?
    Das Herz begreift euch selber kaum.

  14. Du seufzest, Doris! wirst du blöde?
    O selig! flößte meine Rede
    dir den Geschmack des Liebens ein.
    Wie angenehm ist doch die Liebe?
    Erregt ihr Bild schon zarte Triebe,
    was wird das Urbild selber sein?

  15. Mein Kind, genieße deines Lebens,
    sei nicht so schön für dich vergebens,
    sei nicht so schön für uns zur Qual.
    Schilt nicht der Liebe Furcht und Kummer,
    des kalten Gleichsinns ekler Schlummer
    ist unvergnügter tausend Mal.

  16. Zu dem, was hast du zu befahren?
    Lass andre nur ein Herz bewahren,
    das, wer’s besessen, gleich verlässt.
    Du bleibst der Seelen ewig Meister,
    die Schönheit fesselt dir die Geister,
    und deine Tugend hält sie fest.

  17. Erwähle nur von unsrer Jugend,
    dein Reich ist ja das Reich der Tugend,
    doch, darf ich raten, wähle mich!
    Was hilft es, lang sein Herz verhehlen?
    Du kannst von hundert Edlern wählen,
    doch keinen, der dich liebt wie ich.

  18. Ein andrer wird mit Ahnen prahlen,
    der mit erkauftem Glanze strahlen,
    der malt sein Feuer künstlich ab.
    Ein jeder wird was anders preisen,
    ich aber habe nur zu weisen
    ein Herz, das mir der Himmel gab.

  19. Trau nicht, mein Kind jedwedem Freier,
    im Munde trägt er doppelt Feuer,
    ein halbes Herz in seiner Brust.
    Der liebt den Glanz, der dich umgibet,
    der liebt dich, weil dich alles liebet,
    und der liebt in dir seine Lust.

  20. Ich aber liebe, wie man liebte,
    eh sich der Mund zum Seufzen übte
    und Treu zu schwören ward zur Kunst.
    Mein Aug ist nur auf dich gekehret;
    von allem was man an dir ehret,
    begehr ich nichts als deine Gunst.

  21. Mein Feuer brennt nicht nur auf Blättern,
    ich suche nicht, dich zu vergöttern,
    die Menschheit ziert dich allzu sehr.
    Ein andrer kann gelehrter klagen,
    mein Mund weiß weniger zu sagen,
    allein mein Herz empfindet mehr.

  22. Wann ungeteilte Brunst im Herzen,
    wann lang geprüfte Treu in Schmerzen,
    wann wahre Ehrfurcht dir gefällt;
    wann für ein Herz dein Herz sich gibet:
    So bin ich schon der, der es liebet,
    und der glückseligste der Welt.

  23. Mein Kind! erkenne meine Flammen,
    dein holdes Aug, aus dem sie stammen,
    kennt sie aus langer Prüfung schon.
    Hab ich dir immer treu geschienen,
    so leide, dass ich dir darf dienen;
    ein einig Wort ist gnug zum Lohn.

  24. Was siehst du furchtsam hin und wieder
    und schlägst die holden Blicke nieder?
    Es ist kein fremder Zeuge nah:
    Mein Kind! kann ich dich nicht erweichen?
    Doch ja, dein Mund gibt zwar kein Zeichen,
    allein dein Seufzen sagt mir: Ja.

English Translation

  1. The light of day has darkened,
    the purple that shone in the west
    has faded into a pale grey.
    The moon displays her silver horns,
    the cool night sprinkles sleep kernels
    and quenches the thirsty world with dew.

  2. Come, Doris, come to that beech,
    let us seek the quiet ground,
    where nothing stirs except you and me.
    Only the breath of the beloved west wind
    rustles the slender leaves of the ash
    and beckons us affectionately.

  3. The foliage, bedecked in verdant night,
    leads us into a pleasure-filled dream,
    where the spirit rocks itself to sleep.
    It draws wavering thoughts
    into delightful narrow clefts,
    to dwell contentedly in solitude.

  4. Ah, Doris! Don’t you feel in your heart
    the tender stirring of soft sadness,
    that is sweeter than any joy?
    Doesn’t your lovely glance shine more softly,
    doesn’t your blood itself flow faster
    and your innocent breast swell?

  5. I know that your heart is questioning
    and one thought speaks to another:
    What is happening to me? What do I feel?
    My child! You do not understand it,
    but I can easily give it a name;
    I feel this just as much as you.

  6. You are astonished. Your virtue is aroused.
    The lovely color of chaste youth
    covers your bashful face.
    Your blood surges with mingled feelings,
    harsh rumor displacing love,
    but your heart does not evict it.

  7. My child, brighten your look,
    abandon yourself to your destiny,
    to him who feels only love for you.
    Why will you mistrust your happiness?
    You cannot save yourself now.
    She who hesitates has already chosen.

  8. The first buds of the loveliest years
    enliven your awakened conscience,
    within which no limp, cold thought slinks.
    The sparkle in your eyes springs from your heart;
    you will not always flirt without emotion.
    She who is loved by all will easily fall in love.

  9. What, should love frighten you?
    Vice may hide itself with shame,
    but love has never been altered by it.
    Consider your happy playmates!
    You feel what they all feel;
    your passion is nature’s passion.

  10. Oh, if only you were moved by a shadow
    of that delight that fills two hearts,
    which share each other’s thoughts!
    You would demand from fate
    all the wasted time back,
    which your heart had spent in waiting.

  11. When a beauty gives herself
    to him, who lives for her, for life,
    and her submission becomes play;
    when, after a shepherd’s evident devotion
    virtue itself crowns him with myrtle
    and reason speaks as one with the heart …

  12. When tender defenses, sweet compulsion,
    pleasant submission, exciting struggle,
    overwhelm both hearts with delight;
    when the confused gaze of the beauty,
    her brimming eyes full of shallow tears,
    secretly demands what she refuses …

  13. When—but, my child, I will not speak
    of this pleasure that I reveal to you,
    it is, as I say, scarcely a dream.
    Desired melancholy, soft ecstasy:
    how can a mouth dare to express you?
    Even a heart can barely grasp it.

  14. You sigh, Doris! Are you reluctant?
    Oh bliss! My speech has filled
    you with the taste of love.
    How delightful, then, is love?
    If the idea stirs up such tender emotions already,
    what can the reality itself be like?

  15. My child, enjoy your life,
    do not be so beautiful for nothing,
    do not be so beautiful as to torment us both.
    Do not fault love’s fear and turmoil;
    the nauseating slumber of frigid indifference
    is a thousand times more unpleasant.

  16. What have you do to with that?
    Let another guard her heart,
    which, when possessed, is already abandoned.
    You remain the eternal master of souls,
    your beauty binds all spirits to you,
    and your virtue holds them fast.

  17. Only choose among all our youth,
    your kingdom is indeed the realm of virtue,
    yet, may I say, choose me!
    What good does it do, to withhold one’s heart forever?
    You can choose from a hundred nobles,
    yet none who love you like I do.

  18. Another might dazzle you with awe,
    with purchased sparkle shine,
    who paints his ardor with great craft.
    Each one has his virtues,
    but all I have to show is a heart,
    given to me by heaven.

  19. Do not trust, my child, that wooer,
    who bears in his mouth a double fire,
    but half a heart in his breast.
    He loves the radiance that surrounds you,
    he loves you because everyone loves you,
    and in you he loves his own pleasure.

  20. I, however, love as one loves
    before a mouth becomes accustomed to sighing
    and swearing faith becomes an art.
    My eye is focused only on you;
    of all the things that are to be admired in you,
    I desire nothing except your favor.

  21. My fire burns not only on paper,
    I do not seek to idolize you;
    your humanity adorns you all too much.
    Another can lament more eruditely;
    my mouth knows little what to say,
    but my heart feels much more.

  22. If a heart’s undivided ardor,
    if long-tested faith in suffering,
    if true respect is pleasing to you;
    if your heart would give itself for a heart:
    then I am already he, he who loves you,
    and the happiest man in the world.

  23. My child! Recognize my flames,
    your lovely eyes, from which they spring,
    have known them already from long experience.
    If I have always seemed true to you,
    then allow me to serve you;
    a single word is sufficient reward.

  24. Why do you look about fearfully
    and cast your lovely glance down?
    There is no stranger spying near:
    my child! Can I not soften you,
    but yes, although your mouth gives no sign,
    yet your sighs tell me: Yes.

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