• Carl Philipp Emanuel Bach

17. Der Traum

  • Voice · E4 – F#5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text

  1. Es war ein Mägdchen ohne Mängel,
    das war ein allerliebster Engel;
    so hat mich noch kein Kind entzückt.
    Du magst mir alle Schönen nennen,
    du magst auch gleich für alle brennen:
    Mein Mägdchen hast du nicht erblickt.

  2. So, wie die Schönen reizen sollen,
    wenn sie die Herzen fesseln wollen,
    so nahm ihr Blick bezaubernd ein.
    Die Augen, die voll Feuer glühten,
    die Wangen, die wie Rosen blühten,
    erlaubten mir nicht, frei zu sein.

  3. Sie war bescheiden, doch nicht blöde,
    voll strenger Tugend, doch nicht spröde,
    und witzig ohne Spötterei.
    Vernünftig und mit weisem Herzen
    bewies sie mitten bei dem Scherzen,
    dass sie der Frechheit Feindin sei.

  4. Der Putz, den sie sich auserlesen,
    verriet kein flatterhaftes Wesen;
    es war nur Wohlstand, doch nicht Pracht.
    Und kaum war sie geputzt erschienen,
    so sah man aus den edlen Mienen,
    dass sie den Putz viel schöner macht.

  5. Gelassen und mit stiller Freude
    entsagte sie dem tollen Neide,
    der Freundin Glück war ihre Lust.
    Wenn ihr ein schönes Kind erzählte,
    dass es nur nach Verdiensten wählte,
    so regte sich auch ihre Brust.

  6. Zufrieden lehrten ihre Blicke,
    wie man auch bei versagtem Glücke
    vergnügt und glücklich spielen kann.
    Nie konnte sie zu viel verlieren,
    so ließ sie doch voll Großmut spüren,
    wie leicht sie manches Herz gewann.

  7. Nicht schwatzhaft, nein! voll weiser Lehren
    ließ sich ihr Mund mit Beifall hören,
    man hörte nur Beredsamkeit.
    Sie sprach und ließ sich unterrichten,
    sie sprach von Wirtschaft, Witz und Pflichten,
    doch alles mit Bescheidenheit.

  8. Die Schönheit war nicht ohne Liebe,
    sie zürnte nicht mit stolzem Triebe,
    wenn ihr ein Freund ein Küsschen gab.
    Kaum hatte sie den Kuss empfangen,
    so legten die beschämten Wangen
    ein Zeugnis beider Unschuld ab.

  9. „O Freund, das Mädchen muss ich küssen!
    O lass mich ihren Namen wissen,
    schon ist es um mein Herz geschehn!
    Wo soll ich nach der Schönen fragen?“
    Ach Freund, das kann ich dir nicht sagen:
    Im Traum hab ich sie gesehn!

English Translation

  1. There was a maiden without flaw,
    she was a darling angel;
    no young girl had yet so charmed me.
    You can name me every beauty;
    you can even burn for every one:
    my maiden you have never seen.

  2. Just as beauties should dazzle,
    when they wish to capture hearts,
    thus her glance seized me with magic.
    Her eyes, which glowed with fire,
    her cheeks, blooming like roses,
    would not permit me to be free.

  3. She was modest, yet not dull,
    full of strict virtue, yet not prudish,
    and clever without mockery.
    Intelligent and with a wise heart
    she showed even amid teasing
    that she was the enemy of impudence.

  4. The adornment she selected
    revealed no vain creature;
    it was appropriate, yet not showy.
    And scarcely did she appear arrayed,
    than it could be seen in her noble manner
    that she made the clothing more beautiful.

  5. Composed and with quiet joy
    she denied herself foolish envies;
    her companion’s happiness was her own delight.
    When a pretty maiden told her
    that she had made a worthy match,
    her breast leaped up in joy as well.

  6. Peacefully her glances taught
    how even when happiness is denied
    one can behave with ease and good cheer.
    She couldn’t ever lose too much,
    since her generous nature revealed
    how easily she won many hearts.

  7. Not gossip, no! full of wise sayings;
    were her speech to be caught in passing,
    eloquence alone would be heard.
    She spoke, accepting contradiction,
    she spoke of business, honor and duty,
    yet all with modesty.

  8. Her beauty was not loveless;
    she did not react with proud disdain
    if a friend offered her a kiss.
    Scarcely would she receive the kiss,
    than her bashful cheeks would betray
    the innocence of them both.

  9. “Oh friend, I must kiss this girl!
    Oh let me know her name;
    my heart is already conquered!
    Where can I ask after this beauty?”
    Alas, friend, I cannot not tell you this:
    I saw her only in a dream!

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