Carl Philipp Emanuel Bach
1788–89

21. An Doris

  • Voice · C4 – G5
  • Keyboard: Fortepiano / Harpsichord / Clavichord

German Text by lbrecht von Haller (revised by Heinrich Wilhelm von Gerstenberg)

  1. Des Tages Licht hat sich verdunkelt,
    der Purpur, der im Westen funkelt,
    erblasset in ein falbes Grau.
    Der Mond zeigt seine Silberhörner,
    die kühle Nacht streut Schlummerkörner
    und tränkt die trockne Welt mit Tau.

  2. Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,
    lass uns den stillen Grund besuchen,
    wo nichts sich regt als ich und du.
    Nur noch der Hauch verliebter Weste
    belebt das schwanke Laub der Äste
    und winket dir liebkosend zu.

  3. Die grüne Nacht belaubter Bäume
    führt uns in anmutsvolle Träume,
    worin der Geist sich selber wiegt.
    Er zieht die schweifenden Gedanken
    in angenehm verengte Schranken
    und lebt mit sich allein vergnügt.

  4. Ach, Doris! Fühlst du nicht im Herzen
    die zarte Regung sanfter Schmerzen,
    die süßer sind als alle Lust?
    Strahlt nicht dein holder Blick gelinder?
    Rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder,
    und schwellt die unschuldsvolle Brust?

  5. Du staunst. Es regt sich deine Tugend,
    die holde Farbe keuscher Jugend
    deckt dein verschämtes Angesicht.
    Dein Blut wallt von vermischtem Triebe,
    der strenge Ruhm verwirft die Liebe,
    allein dein Herz verwirft sie nicht.

  6. Oh, könnte dich ein Schatten rühren
    der Wollust, die zwei Herzen spüren,
    die sich einander zugedacht!
    Du fordertest von dem Geschicke
    die langen Stunden selbst zurücke,
    die dein Herz müßig zugebracht.

  7. Mein Feuer brennt nicht nur auf Blättern,
    ich suche nicht, dich zu vergöttern,
    die Menschheit ziert dich allzu sehr.
    Ein andrer kann gelehrter klagen,
    mein Mund weiß weniger zu sagen,
    allein mein Herz empfindet mehr.

  8. Was siehst du furchtsam hin und wieder
    und schlägst die holden Blicke nieder?
    Es ist kein fremder Zeuge nah.
    Mein Kind, kann ich dich nicht erweichen?
    Doch ja, dein Mund gibt zwar kein Zeichen,
    allein dein Seufzen sagt mir: Ja!

English Translation

  1. The light of day has darkened,
    the purple that shone in the west
    has faded into a pale grey.
    The moon displays her silver horns,
    the cool night sprinkles sleep kernels
    and quenches the thirsty world with dew.

  2. Come, Doris, come to that beech,
    let us seek the quiet ground,
    where nothing stirs except you and me.
    Only the breath of the beloved west wind
    rustles the slender leaves of the ash
    and beckons us affectionately.

  3. The foliage, bedecked in verdant night,
    leads us into a pleasure-filled dream,
    where the spirit rocks itself to sleep.
    It draws wavering thoughts
    into delightful narrow clefts,
    to dwell contentedly in solitude.

  4. Ah, Doris! Don’t you feel in your heart
    the tender stirring of soft sadness,
    that is sweeter than any joy?
    Doesn’t your lovely glance shine more softly,
    doesn’t your blood itself flow faster
    and your innocent breast swell?

  5. You are astonished. Your virtue is aroused.
    The lovely color of chaste youth
    covers your bashful face.
    Your blood surges with mingled feelings,
    harsh rumor displacing love,
    but your heart does not evict it.

  6. Oh, if only you were moved by a shadow
    of that delight that fills two hearts,
    which share each other’s thoughts!
    You would demand from fate
    all the wasted time back,
    which your heart had spent in waiting.

  7. My fire burns not only on paper,
    I do not seek to idolize you;
    your humanity adorns you all too much.
    Another can lament more eruditely;
    my mouth knows little what to say,
    but my heart feels much more.

  8. Why do you look about fearfully
    and cast your lovely glance down?
    There is no stranger spying near.
    My child, can I not soften you?
    But yes, although your mouth gives no sign,
    yet your sighs tell me: Yes!

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